Warum Yoga dich manchmal müder macht - und das kein Fehler ist
Es gibt da diesen Satz, den ich oft höre: „Yoga soll mir doch Energie geben - warum bin ich danach komplett platt?“
Und meistens schwingt da gleich noch etwas mit: Zweifel. An sich selbst. An der eigenen Disziplin. Oder die leise Sorge, man mache irgendetwas falsch. Spoiler: In den meisten Fällen liegt es nicht an dir. Ich sage das nicht theoretisch. Ich habe so ziemlich jede Phase durchlebt, die man in Sachen Bewegung durchleben kann:
jahrelang gar keinen Sport
dann sportsüchtig
dann Yoga in einem gesunden Maß
und dann Yoga in einem ziemlich verrückten Maß - mit viel Druck, viel Anspruch und sehr wenig Zuhören
Heute weiß ich: Nicht jede Bewegung ist per se regulierend. Und nicht jede Yogapraxis ist automatisch wohltuend - nur weil sie langsam, still oder „sanft“ aussieht.
Körperzustand zwischen Erschöpfung und Regulation
Der Denkfehler: Bewegung = Energie
Wir leben in einer Kultur, die Bewegung oft als Lösung für alles verkauft. Mehr Sport, mehr Training, mehr Disziplin - dann wird das schon. Aber Bewegung ist erstmal ein Reiz. Und Reize wollen verarbeitet werden. Wenn dein Nervensystem ohnehin schon überlastet ist, wenn du dauerhaft funktionierst, regulierst, hältst, durchziehst, dann kann selbst eine ruhige Yogastunde mehr kosten als geben.
Das fühlt sich dann an wie:
bleierne Müdigkeit nach der Praxis
Brain Fog statt Klarheit
oder dieses diffuse Gefühl von „Irgendwie war das jetzt zu viel“
Nicht, weil Yoga schlecht ist. Sondern weil Timing, Zustand und Intention nicht zusammenpassen.
Yoga ist kein homogener Zustand
Yoga ist kein einheitlicher Raum. Und schon gar kein neutraler. Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Es gab Phasen, da bin ich ins Yin Yoga gegangen - in der festen Überzeugung, mir etwas Gutes zu tun. Nach gefühlt vier Sekunden in der ersten Haltung war ich so tief „entspannt“, dass ich quasi eingeschlafen bin. Damals habe ich das für Regeneration gehalten. Heute weiß ich: Das war tiefe Erschöpfung, kein Loslassen. Mein System war so überlastet und überregt, dass es im Stillwerden einfach abgeschaltet hat.
Und ja - Yin kann extrem stressig sein. Nicht körperlich im klassischen Sinne, sondern emotional und nervlich.
In der Stille kommen oft:
Wut
Unruhe
Tränen
Widerstand
Für manche Menschen ist Yin keine „sanfte Einsteigerpraxis“, sondern eine fortgeschrittene Praxis, die viel Selbstregulation erfordert. Und das ist okay.
Wenn der Körper nicht regeneriert, sondern kompensiert
Viele Menschen bewegen sich nicht aus Verbindung, sondern aus Pflichtgefühl. Oder aus Angst. Oder aus dem inneren Druck heraus, „dranzubleiben“. Der Körper macht lange mit. Er ist unglaublich anpassungsfähig. Aber irgendwann beginnt er zu kompensieren statt zu regenerieren. Dann fühlt sich Bewegung zwar noch „richtig“ an, aber sie nährt nicht mehr.
Das ist oft der Punkt, an dem Menschen denken: „Ich müsste mich einfach mehr zusammenreißen.“ In Wahrheit wäre oft das Gegenteil dran.
Was stattdessen hilft (und nein, das ist keine To-do-Liste)
Es geht nicht darum, den richtigen Stil zu finden. Oder die perfekte Methode. Es geht darum, wieder ein Gespür zu entwickeln:
Was brauche ich heute?
Was reguliert mich - und was pusht mich nur weiter?
Gehe ich aus Neugier auf die Matte oder aus Druck?
Manchmal braucht es Kraft. Manchmal Bewegung. Manchmal Stille. Und manchmal etwas völlig anderes. Dafür dürfen wir offen bleiben. Für unterschiedliche Stile. Für verschiedene Lehrer:innen. Für neue Erfahrungen - und auch für das Eingeständnis, dass etwas gerade nicht passt.
Meine Haltung heute
Ich unterrichte und praktiziere Yoga und Bewegung heute sehr anders als früher. Nicht weniger ernsthaft - aber weniger getrieben. Mich interessiert nicht, wie viel jemand aushält. Sondern wie gut jemand sich selbst wahrnimmt. Diese Haltung zieht sich durch meine Arbeit: im Studio, in Unternehmen, in 1:1-Settings und in meinen Retreats.
Nicht höher, schneller, weiter. Sondern klarer, ehrlicher, regulierter.
Zum Abschluss
Vielleicht geht es gerade nicht darum, noch eine Praxis zu optimieren oder noch disziplinierter zu sein. Vielleicht geht es darum, zuzuhören, bevor du dich wieder bewegst.
Weiterführend
Wenn dich diese Perspektive anspricht:

